fulda XX – die kunstszene fulda im 20. Jahrhundert

das projekt

Noch nie wurde versucht, die bewegte Kunstszene Fuldas im vergangenen Jahrhundert zu betrachten, um die statischen und dynamischen Kräfte, die prozessualen und kohärenten Entwicklungen innerhalb der Kunstszene zu unter­suchen, zu erkennen und zu beschreiben.

Diese Betrachtung beginnt im 19. Jahrhundert, als die damaligen deutschen Kunstakademien in der Sommerfrische Kleinsassen an der Milseburg die Pleinairmalerei pflegten. Eine kleine Künstlerkolonie, aber die Wirkung auf die ländlich geprägte „Provinzstadt“ war sehr mächtig; bis zur Mitte des folgenden Jahrhunderts blieb hier die Landschaftsmalerei bestimmend. Im Prinzip änderte daran nichts, weder vereinzeltes Auftreten von Künstlern, die damals schon die „Moderne“ repräsentierten, wie Erich Heckel oder Georg Muche, ... auch nicht die Bewegung der „Loheländerinnen“ – die sehr wichtig, aber hier sehr isoliert erschien. Die Ausstellungen des Fuldaer Kunstvereins in der Zeit zwischen den Weltkriegen, über dessen Tätigkeit die unbebilderten Kataloge zumindest eine vage Vorstellung erlauben, zeigt den Zustand hiesiger Kunstszene und ihrer Prägung durch die traditionelle Kunst der Vergangenheit. So widerspiegelt diese Situation auch den allgemeinen Charakter der damaligen Stadt Fulda recht genau, zumal die nationalistische Herrschaft andere Entwicklungen ohnehin abgewürgt hatte, es blieben die Angepassten und die “Entarteten” mussten weichen.

Nach dem Krieg kam der Aufbau; es kamen in die Stadt Tausende Neubürger aus Tschechien und Schlesien; Fulda sollte offener, moderner werden! Erstaunlich bleibt, dass die Kunstszene hier den Anfang markierte: Rudolf Kubesch und die Ausstellung der Gruppe ZEN 49, später Karlfried Staubach und der Junge Kunstkreis, Franz Erhard Walther! ... auch die allererste Ausstellung von Gerhard Richter wird 1962 in Fulda, in der Galerie Junge Kunst, veranstaltet. Mit dem Weggang Walthers nach New York 1967 erstarrt auch diese Bewegung und alle Versuche (Jürgen Blum), den Anschluss zur nationalen Kunstszene wiederherzustellen, sind letztlich zum Scheitern verurteilt.

In den letzten Jahrzehnten – vom Fuldaer Kunstverein gehen kaum neue Impulse aus – bestimmen einzelne Künstler nennen, das Geschehen, die autonom, aber auch isoliert, auf unterschiedliche Art und Weise versuchen, die Szene zu „beherrschen“, in sie hineinzuwirken, ohne sie wirklich bewegen zu wollen; ... darüber, weit abgehoben, steht der nach Fulda zurückgekehrte Franz Erhard Walther, der seit 2022 mit den beeindruckenden Ausstellungen in der VILLA Franz Erhard Walther in Fulda präsent wird, aber aus verständlichen Gründen kaum am aktuellen Kunstgeschehen teilzunehmen bereit sein kann.

akt I (vorspiel) – rhönlandschaft >> Die Pleinairmalerei der deutschen Kunstakademien und die Entstehung der Künstlerkolonie Kleinsassen

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts kamen in die Rhön die ersten Maler, wie Carl Wagner (1796-1867) aus Weimar, Friedrich Preller d. Ä.(1804.1878) aus Dresden oder August Christian Geist (1835-1868) aus Würzburg, um hier charakteristische Motive zu malen oder auch nur Landschaftsstudien zu skizzieren. Es war die große Zeit der Schule von Barbizon sowie vieler anderen Künstlerkolonien, die durch die Landschaftsklassen der Kunstakademien einen zusätzlichen Auftrieb erhalten, auch die Pleinairmalerei ist in Mode gekommen, und es scheint, dass sich immer mehr Maler in den sommerlichen Monaten auch in der Rhön und im besonderen in Kleinsassen zusammenfanden. Unter den bekanntesten von ihnen, die schon in den 1860/70er Jahren hierher kamen, wären die Weimarer Maler Arnold Böcklin (1827-1902), Carl Maria Hummel (1821-1907) oder Edmund Friedrich Kanoldt (1845-1904) zu nennen oder auch der in Lauterbach geborene Fritz Ebel (1835-1895) aus Düsseldorf.

Einen entscheidenden Impuls scheint Kleinsassen als Malerdorf und „sommerliche Künstlerkolonie“ mit Edmund Voiges (1832-1880) erhalten zu haben, der hier noch vor 1870 angekommen war und später die älteste Tochter des Gasthofbesitzers Sophie Schmitt heiratete, die von allen Besuchern „Rhönröschen“ genannt wurde. Edmund Voiges darf wohl als der Gründer der „Künstlerkolonie“ Kleinsassen gelten. Sehr aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang einige erhaltene Kleinsassener Künstleralben (Vonderau Museum Fulda), die sowohl eine hohe Frequenz der Künstlerbesuche im Dorf zu Ende der sechziger und in den siebziger Jahren als auch die Rolle Edmund Voiges belegen.

Im Jahr 1887 übernahm schließlich der Düsseldorfer Julius von Kreyfelt (1863-1947) die ehemalige Rolle Voiges, indem er – nach alter Handwerkstradition – dessen Witwe heiratete und sich nun in Kleinsassen dauerhaft niederließ. Von Kreyfelt, der erstmals 1883 mit seinem Lehrer Carl Friedrich Daubenspeck (1857-1931) nach Kleinsassen gekommen war, hatte vor allem durch die Aufnahme eigener Schüler aus der Region für einen Auftrieb im Malerdorf gesorgt, so dass er 1901 sein Wohndomizil zu einem größeren Hotel mit drei Ateliers ausbaute. Auf diese Weise konnte er seine Arbeit sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich, zumindest in der ersten Phase erfolgreich fortsetzen.

act II: Milseburg über alles ... >> Die „Fuldaer“ Landschaftsmaler um Julius von Kreyfelt

Im Jahr 1887 übernahm der Düsseldorfer Julius von Kreyfelt (1863–1947), der sich schon in der Vergangenheit öfter in der Rhön aufgehalten hatte, die Rolle des verstorbenen „Gründers“ der Künstlerkolonie Kleinsassen, Edmund Voiges, indem er – nach alter Handwerkstradition – dessen Witwe heiratete und sich nun dauerhaft in dem Rhöner Dorf niederließ. Von Kreyfelt hatte vor allem durch die Aufnahme eigener Schüler für einen Auftrieb im Malerdorf gesorgt, sodass er sich 1901 gezwungen sah, sein überbelegtes Wohndomizil zu einem größeren benachbart gelegenen Hotel mit drei Ateliers auszubauen. Auf diese Weise konnte er seine Arbeit zunächst sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich erfolgreich fortsetzen.

Mit dem Ersten Weltkrieg, als die Landschaftsmalerei ohnehin ihre ehemalige Bedeutung eingebüßt hatte, ging die Zahl der Besucher der Künstlerkolonie Kleinsassen drastisch zurück. Die Sommerfrische verwandelte sich von einem nationalen Treffpunkt der Kunstakademien zu einem provinziellen Zentrum der Freilichtmalerei, in dem allein die Landschaftsmaler aus Fulda eine Rolle spielten. Zwar kamen auch jetzt vereinzelt noch Künstler aus der „Ferne“, die in der kargen Rhön Eindrücke für ihre Werke suchten, doch die Tage der ehemaligen „Künstlerkolonie“ waren zu dieser Zeit schon gezählt, auch wenn Julius von Kreyfelt noch bis in die frühen 1930er Jahre den Betrieb seines Malerhotels gerade noch aufrecht erhalten und in den Räumlichkeiten vor allem seine Bilder den Fuldaer Besuchern zum Verkauf anbieten konnte.

Während von Kreyfelt – mit seiner vom deutschen Impressionismus beeinflussten Landschaftsmalerei – die Fuldaer Kunstszene anfangs noch allein beherrschte, konkurrierten mit ihm seit den ersten Jahrzehnten weitere Künstlerpersönlichkeiten, allen voran die beiden Kunstlehrer Pedro Schmiegelow aus Hamburg und Nikolaus Kleineberg aus Kassel, sowie der exzentrische Fritz Pfeiffer, die den Neoimpressionismus und den Expressionismus nach Fulda mitgebracht hatten.

Neben den exponierten Protagonisten der Landschaftsmalerei in Fulda, Schmiegelow und von Kreyfelt, versuchten sich auch jüngere Maler in dieser Gattung zum Teil noch nach 1950 auf dem lokalen Kunstmarkt zu etablieren, insbesondere Fritz Wolf und Albert Heinrich Kalb, und davor schon der Gastwirt und Sammler Gustav Iller sowie der Kirchenmaler Hugo Pfister. Eine besondere Rolle bei der Überwindung der stark in der Tradition verhafteten regionalen Landschaftsmalerei spielte der jüngste, sogar in Kleinsassen geborene Paul Klüber, der leider schon früh im Zweiten Weltkrieg gefallen ist.