fulda XX

akt III: … aber keine Milseburg, bitte? >> Die neuen Tendenzen in der Kunstszene der Region bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts

In den zwei vorausgehenden Ausstellungsabschnitten wurde versucht, die relativ homogene Art der Landschaftsmalerei in der Rhön und ihre Wirkung auf die Kunstszene der ländlich geprägten „Provinzstadt“ Fulda darzustellen. Insbesondere war es der langandauernde Einfluss der seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts existierenden Künstlerkolonie Kleinsassen, zuletzt begünstigt durch die restriktive Kulturpolitik des „Tausendjährigen Reiches“, dass gerade die traditionelle Landschaftsmalerei hier bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts bestimmend geblieben ist.

Die Betrachtung der Szene begann somit im 19. Jahrhundert, als die damaligen deutschen Kunstakademien in der Sommerfrische Kleinsassen an der Milseburg die Pleinairmalerei pflegten. Es war eine kleine Künstlerkolonie, aber die Wirkung war sehr mächtig und hat letztlich auch die an Kunstakademien in der Zeit um 1900 ausgebildeten, später in Fulda tätigen Künstler in ihren Bann gezogen, wie Pedro Schmiegelow oder sogar Fritz Pfeiffer, die lediglich in ihrem Frühwerk die aktuellen Tendenzen der allgemeinen Kunstentwicklung zu rezipieren vermochten und sich damit auf Dauer wohl, und insbesondere auf dem Kunstmarkt, nicht durchsetzten. Die Ausstellungen des Fuldaer Kunstvereins, über dessen Tätigkeit die nicht bebilderten Kataloge zumindest eine vage Vorstellung erlauben, zeigen den Zustand der hiesigen Malerei und ihrer Prägung durch die traditionelle Kunst der Vergangenheit. So spiegelt die Situation der Kunstszene auch den allgemeinen Charakter der damaligen Stadt Fulda recht genau wider.

Es war vor allem Paul Cézanne (1839-1906), der eine Abkehr von der durch die Impressionisten betriebene Auflösung der traditionellen Formen durchsetzte und eine Rückkehr zu der körperlich betonten Formgestaltung in seiner Malerei fand, die später nicht allein die Avantgarde der klassischen Moderne (Kubismus, Fauve etc.) im hohen Maße beeinflusste. So berührte die „klassische Moderne“, wohl auf Umwegen über das breite Spektrum der damaligen Malerei, auch die Kunstszene der kleinen Stadt Fulda.

Eine herausragende Rolle bei dem Versuch der Überwindung der stark in der Tradition verhafteten regionalen Landschaftsmalerei spielte, wie anders zu erwarten, der Jüngste jener Generation der Landschaftsmaler der Rhön, der in Kleinsassen geborene Paul Klüber. Schon in jungen Jahren schuf er seine Werke im bewussten Gegensatz zu dem von der Düsseldorfer Malerschule und dem Impressionismus geprägten Anführer der Kleinsassener Künstlerkolonie, Julius von Kreyfelt. Er schlug künstlerisch gesehen neue Wege ein, erarbeitete sich einen selbständigen Malstil und konnte sich schließlich neben den traditionellen Künstlern der Region auf dem hiesigen Markt etablieren.

Weniger erfolgreich war der dem deutschen Expressionismus zugewandte Hermann Mollenhauer, dessen umfangreicher Nachlass sich seit 1964 im Fuldaer Vonderau Museum befindet und eindrucksvoll die Bemühungen des einsam in der Stadt Fulda wirkenden Künstlers aufzeigt, eine formale Erneuerung in der regionalen Kunstszene durchzusetzen.

Nur am Rande wirkten hier, und übten damit nur geringen Einfluss aus auf die regionale Szene, solch bekannte Künstler wie Erich Heckel, der um 1934 die Rhön intensiv bereiste und auch der in Ramholz bei Schlüchtern aufwachsende, spätere Lehrer am Weimarer Bauhaus, Georg Muche. Dazu zählten auch in Fulda geborene Ferdinand Lammeyer und Paul von Waldthausen aus Gersfeld, der über viele Jahre in München, Berlin oder Paris künstlerische Erfahrungen sammeln konnte. Auch die im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg zeitweise in Fulda lebende Darmstädter Bildhauerin Ali Bonte oder die Malerin Isa Mittelbach aus Kassel haben hier nur wenige Spuren ihres Wirkens hinterlassen.

Besonders erstaunt, dass die zukunftsweisende und in ganz Deutschland aktive Bewegung der „Loheländerinnen“ – schon 1919 in der ländlichen Umgebung ihrer Wirkungsstätte gegründet – in der Region selbst fast isoliert erschien und hier kaum Einfluss ausübte.

Im Dienst der Kirche sind im Bereich der Kunst und des Kunstgewerbes einige Schaffende der Region besonders wirksam gewesen. Zunächst die über drei Generationen von 1892 bis 1984 existierende Goldschmiedewerkstatt von Wilhelm Rauscher, die vor allem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts liturgische Geräte in die ganze Welt lieferte. Auf kunstgewerblichen Gebiet haben noch vor dem Zweiten Weltkrieg zwei Künstlerinnen in Fulda ihren Weg begonnen. Es waren die Bildhauerin und Malerin Agnes Mann, die später insbesondere für ihre Glasfenster und Mosaiken bekannt wurde, und die Benediktinerin Lioba Munz (OSB), die universale Künstlerin, die mit ihren „byzantinisch“ anmutenden Senkemaillearbeiten an der Ausstattung der Kirchen, auch mit größeren Altären, großartige Beiträge lieferten. Beide sind bis in die 1980er Jahre auch weit über die Grenzen der Region künstlerisch aktiv geblieben.

Einen kleinen Nachtrag verdient in diesem Zusammenhang der Künstler Felix Ramholz (eigentlich Felix Muche, der Vater von Georg), der seit den 1920er Jahren in der „Nachfolge“ des Zöllners Henri Rousseau (1844-1910) als Schlossverwalter in Ramholz unbehelligt von der Öffentlichkeit Bilderwelten produzierte.

Die “progressiven” Fuldaer Künstler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Pedro Schmiegelow (*17.07.1863 Hamburg – †12.08.1943 Fulda)

Fritz Pfeiffer (*9.04.1878 Neuenberg/Fulda – †20.08.1953 Fulda)

Gustav Iller (*7.05.1879 Fulda – †29.03.1952 Bad Salzschlirf)

Paul Klüber (*26.11.1904 Kleinsassen – seit 1945 vermisst)

Hermann Mollenhauer (*20.07.1891 Fulda – † 20.06.1945 Friesenhausen)

Erich Heckel (* 31.07.1883 Döbeln – † 27.01.1970 Radolfzell/Bodensee)

Georg Muche (*8.05.1895 Querfurt – † 26.03.1987 Lindau)

Ferdinand Lammeyer (*12.12.1899 Fulda – † 27.08.1995 Bischofsheim/Rhön)

Paul von Waldthausen (*25.01.1897 Essen – † 26.06.1965 Gersfeld)

Ali Bonte-Lichtenstein (*10.05.1897 Mannheim – † 15.07.1986 Darmstadt)

Wilhelm Rauscher (*10.06.1864 Aachen – † 21.03.1925 Fulda)

Agnes Mann (*4.10.1907 Paderborn – † 17.01.1994 Güntersberg/Poppenhausen)

Lioba Munz OSB (*15.04.1913 Bingen – † 24.09.1997 Fulda)

Felix Ramholz (Felix Muche) (*16.06.1868 Querfurt – † 2.03.1947 Ramholz)

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